Kamtschatka – Russlands Vulkan-Wildnis im kalten Ozean

Auf der sibirischen Halbinsel von der Größe Deutschlands leben gerade einmal 340.000 Einwohner. Zwei Drittel von ihnen wohnen auch noch in der einzigen Großstadt des Gebietes, Petropawlowsk-Kamtschatski (PK) und deren unmittelbaren Umgebung.

Wenig Menschen – aber viele Braunbären

Selbst die statistische Bevölkerungsdichte von nur etwa 1 Person pro Quadratkilometer gibt die Realität deshalb nur verzerrt wieder: Außerhalb des Ballungsgebietes an der grandiosen Avatscha-Bucht (einem der besten Naturhäfen der Welt) scheint es auf Kamtschatka mehr Bären als Menschen zu geben. Deren Zahl wird jedenfalls mit „mindestens 10.000“ angegeben.

Die Wirtschaftsstruktur des Gebietes ist ein weiterer Faktor, der Kamtschatka zu einem riesigen Naturpark macht: Die Landwirtschaft beschränkt sich auf relativ geringe Flächen, die vorherrschenden eher niedrigen Laubbäume sind für die Forstwirtschaft wenig attraktiv, Bergbau (vor allem Goldminen) gab und gibt es nur an ganz wenigen Stellen, ebenso wie Erdgas, das nur an einer einzigen Lagerstätte an der öden Westküste gefördert wird. Eine Gas-Pipeline von dort nach PK ist im Bau.

Fischfang ist die einzige „Industrie“

Industrie ist ebenfalls faktisch Fehlanzeige: Der größte Wirtschaftsfaktor ist die Fischerei – sei es auf hoher See oder der Lachsfang an den Flüssen. Daneben spielt auf Kamtschatka nur noch das Militär eine wichtige Rolle: In der für Fremde gesperrten Stadt Wiljutschinsk südlich von Petropawlowsk unterhält die Pazifikflotte einen großen Stützpunkt – unter anderem mit Atom-U-Booten. Der Lebensstandard der Bevölkerung ist deshalb – vor allem wegen des insgesamt deutlich höheren Preisniveaus bei landestypischen Durchschnittslöhnen – eher bescheiden.

Tourismus erfordert lokale Insiderkenntnisse

Der größte Reichtum der Halbinsel ist ihre Natur – was sie auch für Touristen aus dem In- und Ausland zu einem Traumziel macht. Wer hier dem Bergsteigen, Trekking, Rafting, der Hobby-Geologie oder der Tier-Fotografie nachgehen möchte, sollte sich allerdings vorher mit lokalen Reisebüros kurzschließen und sich ein Tour-Arrangement ausarbeiten lassen. Denn Unterkünfte und geeignete Verkehrsmittel (vielerorts bleibt nur der Hubschrauber, in günstigeren Fällen reicht auch ein Allrad-Fahrzeug) sind selten, ebenso wie gute Karten oder Reiseführer.

Große Gebiete sind nicht frei zugänglich

Hinzu kommt, dass etwa ein Zehntel des Gebiets als Naturschutzgebiet nur mit Sondergenehmigung zugänglich ist. Das gleiche gilt auch für die Küstenzone, die als Grenzzone ebenfalls pauschal Sperrgebiet ist. Eine ortsansässige „Tourfirma“ kann aber beizeiten die gewünschten Genehmigungen beschaffen und die kompetente ortskundige Begleitung organisieren.

Geschichte: Spät entdeckt und schnell geplündert

Kamtschatka wurde Mitte-Ende des 17. Jahrhunderts von russischen Kosaken und Pelztierjägern entdeckt. 1740 gründete dann der dänische Seefahrer Vitus Bering als Kommandeur der staatlichen russischen „Zweiten Kamtschatka-Expedition“ in der Avatscha-Bucht den Posten Petropawlowsk. Die von den Forschern und Entdeckern übermittelten Nachrichten vom Reichtum des Landes an Pelztieren (v.a. Zobel, Robben, Seeotter) führte dann in den nächsten 100 Jahren zu einer Ausplünderung des Landes durch russische Abenteurer und Jäger. Die Urbevölkerung, die Itelmenen im Süden und die Korjaken im Norden wurden brutal unterjocht, ausgebeutet und beinahe vernichtet. Heute stellen die eingeborenen Völker nur noch etwa drei Prozent der Bevölkerung Kamtschatkas.

Verkehrstechnisch eine Insel im Ozean

Die Region Kamtschatka (Kamtschatski krai) ist ein russisches Föderationssubjekt, das 2007 durch die Fusion des Gebietes Kamtschatka und des Autonomen Korjaken-Kreises gebildet wurde. Neben der 1200 Kilometer langen Halbinsel gehören damit politisch heute auch noch große, aber faktisch menschenleere Gebiete auf dem „Festland“ zu Kamtschatka.

Auf dem Landweg ist Kamtschatka aber trotzdem nicht zu erreichen. Von Petropawlowsk (die Einheimischen nennen ihre Stadt übrigens genauso wie die St. Petersburger „Piter“) führt die einzige asphaltierte Fernstraße etwa 250 Kilometer nach Norden bis Milkowo im zentralen Tal des Kamtschatka-Flusses.

Schotterpisten ermöglichen dann noch die Weiterfahrt nach Esso oder bis an die Fluss-Mündung bei Ust-Kamtschatsk. Weitere unbefestigte Straßen führen nach Oktjabrski an der Westküste sowie südlich von Petropawlowsk bis zum Geothermal-Kraftwerk am Mutnowski-Vulkan.

(Lothar Deeg/.rufo)

Kategorie: Nützliches und Aktuelles, Aktualisiert am 6. Oktober 2009 von Redaktion | Anmelden